textpassagen

Zurück

Teil 1

 

Kindheit in Frankfurt an der Oder

Die Detonationen des letzten Krieges waren längst verhallt. - Die darauf folgend eintretende Stille sollte sich jedoch als sehr trügerisch erweisen, denn plötzlich ertönte in einer der ungezählten Trümmerwüsten ein gellender Schrei.

 

Es begab sich im Sommer des Jahres 1948, in Frankfurt an der Oder. Ich hatte gerade, in einem Deutschland der Siegermächte, in seinen Grenzen von 1945, das Licht der Welt erblickt. Die Weichen für ein geteiltes Land waren zu jener Zeit aber bereits gestellt. Man brauchte nur noch zu proklamieren. Ich kann jedoch von mir nicht gerade behaupten, dass ich damals verstand, weshalb ich ein reichliches Jahr später DDR- Bürger/in wurde.

 

War es der Unmut über die politischen Vorgänge, die mir auf den Magen schlugen oder die miserable Versorgungslage. Jedenfalls bekam ich mit 9 Monaten eine schwere Ernährungsstörung. Die muss sich so dramatisch offenbart haben, dass meine Erdentage, vom medizinischen Personal im Lutherstift schon gezählt wurden. Das sagte zumindest meine Oma zu Lebzeiten immer wieder. Jedoch bereits damals sollte ich in der Lage sein, meinen eigenen Kopf zu gebrauchen und jenem bekannten Sensenmann ein Schnippchen zu schlagen. Sonst wäre nachfolgendes auch nie niedergeschrieben worden ....

 

Wie sah es nun aber in jenen „fernen Zeiten“, die inzwischen weit über 50 Jahre zurückliegen aus? Gleich nach dem Krieg waren sich die Menschen damals in allen vier Besatzungszonen einig, nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen und der allgemeine Tenor der Volksmassen lautete, für eine kurze Zeit, „Nie wieder Krieg“. Das war es dann aber schon in Fragen Gemeinsamkeiten. Im Westen Deutschlands, begann bereits der 1946 von den westlichen Alliierten beschlossene Marshallplan zu greifen. Das heißt, es zeichneten sich erste wirtschaftliche Erfolge ab. Im Osten Deutschlands, in der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) waren die neuen Machthaber, im Rahmen von Reparationsforderungen bis weit in die fünfziger Jahre hinein mit der Demontage der wenigen Firmen befasst, die nicht bei Bombenangriffen oder durch Kampfhandlungen zerstört wurden. In der „Ostzone“, einer schon vor dem Krieg vornehmlich landwirtschaftlich geprägten Region, war allerdings nicht allzu viel zu holen. 

 

Ich erinnere mich an die vielen Ruinen, die damals das Zentrum der inzwischen geteilten Stadt an der Oder prägten. Unter anderem auch an den zerbombten Backsteinbau der „Viadrina“, jener altehrwürdigen Universität die schon in der mittelalterlichen Hansezeit begründet wurde. Frankfurt profitierte ja bekanntlich in seiner Blütezeit, vom mächtigsten Handelsverbund jener Zeit. An der Universität hatte übrigens H. v. Kleist, der berühmteste Sohn der Stadt studiert.

 

In Frankfurt/Oder war der Wiederaufbau in jener Zeit ebenfalls im Gange und die ersten neuen Wohnblocks längst bezogen. Nur in der ehemaligen Beamten und Kasernenstadt schien in den Jahren nach dem Krieg alles ein wenig länger zu dauern. Das war vielleicht auch dadurch bedingt, dass es hier seit jeher  keine nennenswerte Industrie gab. Ich erinnere mich nur an eine Kaffeemittel- und eine Seifenfabrik.  

 

Meine frühe Kindheit kann als eher typisch für die Zeit im Nachkriegsdeutschland bezeichnet werden und entsprach den damaligen Lebensumständen. Mir fallen da einige Episoden ein, die einfach zu dieser Epoche dazu gehörten.

 

Wir wohnten in einem Einfamilienhaus an der Stadtgrenze von Frankfurt zur Untermiete. Landwirtschaftlicher, idyllischer und schöner als an jenem Stadtrand konnte es für uns Kinder nirgendwo auf der Welt sein. Auf der einen Seite die Oderwiesen mit ihrer noch intakten Flora und Fauna, dem Küstersee, Kiebitzen und Füchsen und jenseits der kopfsteingepflasterten Hauptstraße ein leicht hügeliges Land mit Feldern und kleinen Hainen in denen zahlreiche Rehe ihr Versteck fanden. Ich weiß noch sehr gut, wie ich mit Salz in der Hosentasche, auf Hasenjagd ging oder rannte, sobald ich einer Blume ansichtig wurde. Man hatte mir nämlich glaubhaft versichert, dass dieses nur auf eben die Blume gestreut zu werden brauchte, um ihrer habhaft zu werden.

      

Gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite gab es Mitte der fünfziger Jahre einige Einzelbauerngehöfte. Deren Bauern liefen während der Aussaat noch immer hinter ihrem von kräftigen Pferden gezogenen Pflug her. Auch die Ernte fuhren sie, wie zu Urgroßelters Zeiten, mit Pferdegespannen und Leiterwagen ein. Wobei gesagt werden muss, dass es auf dem Lande, schon seit einigen Jahren Maschinen Traktoren Stationen (MTS) gab. Dort konnten sich die Bauern Traktoren oder andere Erntetechnik ausleihen.

Einer der Bauern ist mit meinem Vater mal so gut wie handelseinig geworden. Für ein paar Sack Kartoffeln und einige Seiten Speck sollte ich als Erstgeborener den Besitzer wechseln. Es war wohl auf einer seiner Kneipentouren, auf der die Beiden ins Geschäft kamen. Wenn ich so richtig überlege, kann es sogar sein, dass ich bei dem zukunftsweisenden Geschäftsgespräch daneben saß, da ich gerne mal auf diese Touren mitgenommen wurde. Der Bauer plante jedenfalls, mich als seinen Hoferben zu erziehen und einzusetzen. Weshalb das Geschäft dann nicht zu Stande kam entzieht sich meiner Kenntnis. Ich denke aber, dass meine Mutter da nicht so richtig mitspielte. Auf jeden Fall hätte dieser Bauer eines Tages so etwas Ähnliches wie eine Hoferbin gehabt.

 

In jener Zeit ohne Fernsehen und bar jeder Technik verbrachten wir Kinder noch einen Großteil unserer Freizeit auf der Straße, oder, wie ich zum Beispiel oft, auf Klettertour auf den Bäumen. Ich habe zwei daraus resultierende Krankenhausaufenthalte wegen schwerer Gehirnerschütterungen und die erfolgte Behandlung mit Eisbeuteln bis heute nicht vergessen.

 

Aber zurück zur Straße. Dort lieferten wir uns regelmäßig, mit verfeindeten Gruppen, Straßenschlachten, bei denen auch schon mal Steine die Seiten wechseln konnten. In  „Friedenszeiten“ hingegen maßen wir unsere Kräfte zur Abwechslung bei Seifenkisten oder Rollerrennen. Luftbereifte Roller gab es in einem Kaufhaus auszuleihen. Den Begriff Zwergtorfußball kenne ich ebenfalls noch aus jenen fernen Kindertagen.

 

Einmal sollte ich sogar als Lebensretter gefeiert werden. In unserem Garten befand sich, wie damals üblich, eine mit Brettern abgedeckte Jauchegrube. Sie diente als Auffangbecken für Fäkalien aller Art. Eines Tages, unsere Eltern waren gerade auf Einkaufstour, tobten wir wieder einmal wie wilde, kleine Fohlen über besagte Bretter. Plötzlich, es gab ein berstendes Geräusch, verschwand mein jüngerer Bruder in der fürchterlich stinkenden Finsternis, dieser Grube. Zu Anfangs schrieen wir noch beide aus Leibeskräften, bis er wohl durch die Gase betäubt, immer ruhiger wurde und ich letztendlich allein mit meinem verzweifelten Geschrei übrig blieb. Ich machte dabei so einen Lärm, dass die Eltern, die sich bereits auf dem Heimweg befanden, schlimmes ahnend, im Laufschritt heraneilten. Mein lautes Geschrei war wohl noch in sehr großer Entfernung zu hören gewesen. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihnen dann, das bereits leblose und übelriechende Bündel aus der lebensbedrohlichen Situation zu befreien. Schon nach wenigen weiteren Minuten wäre, wie noch Jahre später erzählt wurde, jede Hilfe zu spät gekommen. Wir waren damals übrigens gerade im „zarten“ Alter von vier und fünf Jahren.

 

Ich weiß nicht mehr ob es eine Modeerscheinung war, aber in ganz frühen Kindertagen, so mit fünf Jahren, wurde ich ab und zu, als Mädchen gekleidet, zum Spielen geschickt. Weshalb und wie oft meine Mutter das machte, konnte sie mir allerdings in späteren Jahren nie erklären, denn irgendwann hatte sie es einfach vergessen. An den Hahnenkamm, einer damals üblichen Mädchenfrisur und ein lustiges, buntes Wollröckchen kann ich mich hingegen noch recht gut erinnern. Vor allem weil sich seit jener Zeit der Wunsch, ein Mädchen zu sein, nicht mehr verdrängen ließ. Selbst im Kindergarten beneidete ich die Mädchen und insbesondere die hübsche Anneliese ob ihres, von mir heiß ersehnten, Daseins. Ich glaube aber nicht, dass sie das auch nur ansatzweise ahnte. Eines ist jedoch gewiss, gesprochen haben wir nie darüber.

*

Meine kleine und noch dazu zierliche Großmutter hatte dagegen ganz andere Kontakte zu „Ihren Russen“ gepflegt. Sie befand sich mit ihnen über viele Jahre hinweg, in einem dauerhaften Kriegszustand. Das hieß für sie fast wöchentlich Gefechte auszutragen, aus denen sie dann allermeist siegreich hervorging, sprich ihre Gegner erfolgreich in die Flucht schlug. Ihr Garten lag damals in unmittelbarer Nähe einer sowjetischen Nachrichtenstation. Diese war oberhalb der zahlreichen Schrebergärten auf einem kleinen Hügel stationiert. Jedes Mal wenn sich meine Omi zu Fuß ihrem Garten näherte ging sie erst einmal hinter immer demselben Gebüsch in Deckung. Sobald sie dann Gestalten in ihren zahlreichen Apfelbäumen wahrnahm, ergriff sie einen dort zwischengelagerten Knüppel und stürzte sich mit lautem „Dawai – Dawai“ Geschrei auf die wie Fallobst aus den Bäumen purzelnden Russen, wobei sie mit ganzer Kraft auf sie einhieb. Ich glaube so mancher von Ihnen hat dabei recht derbe Schläge einstecken müssen. Rotarmisten auf der Flucht, das gab es damals wirklich nur einmal, dank meiner tapferen Großmutter und ihrem Garten.

 

Apropos Russen. In den fünfziger Jahren gab es in Frankfurt, auf einer Halbinsel gelegen, die Badeanstalt Ziegenwerder. An jenem Tag, als sich „befreundete Soldaten“ dies und jenseits der Oder mit ihren Maschinenpistolen ein erbittertes Feuergefecht lieferten, wurde die Badeanstalt für immer geschlossen. Wie später erzählt wurde, wollte ein Rotarmist doch tatsächlich nach Polen abhauen. Ich weiß das noch, weil wir gerade die Badeanstalt besuchten und als die Kugeln über uns hinwegpeitschten von den Erwachsenen in Deckung gerissen wurden. Nach diesem Vorkommnis wurde das Baden, bis dahin im gesamten Oderbereich selbstverständlich, generell verboten.

 

Das Stadtbild prägen in jenen Jahren noch viele Kriegsinvaliden, die mit spitzen Stöcken auf Kippenjagd gingen oder vor Geschäften auf einen Obolus warteten. Den Anblick eines Menschen der sich gänzlich ohne Beine, auf einem hölzernen Rumpf fortbewegte werde ich auch nie wieder vergessen.

 

Ab und zu sollte meine Wenigkeit das Straßenbild der Stadt ebenfalls etwas auffälliger bereichern. Das war dann der Fall, wenn ich wieder mal in den Teichen des Lenneparks eingebrochen war und über und über mit Entengrütze besät den langen Weg zu Fuß durch die Stadt antrat. Irgendwie war ich eben schon damals recht leichtsinnig.

      

Der Schulweg führte für die meisten von uns Schülern an jenen Teichen im Lennepark vorbei. Im Winter war das für uns natürlich eine besonders reizvolle Gelegenheit zu Mutproben und ähnlichen Späßen. Ich gehörte allermeist zu den Waghalsigsten, wodurch mein Schicksal natürlich oft schon vorher besiegelt war. Was mich vor allem reizte, war die Jagd auf Fisch, zumeist Brassen, Güstern, seltener Barschen, der sich in den Eislöchern mit ein wenig Geschick, mit der Hand fangen ließ. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich, nach einem Bad im Teichschlamm, unter dem Beifall der Mitschüler wieder am Ufer ankam, meine Fische einsammelte und im Schulranzen verstaute. 

      

Auf dem Heimweg ging es dann zum Aufwärmen erst einmal in ein Konsum Kaufhaus. Dort staunten Kundschaft und Personal nicht schlecht, als ich Winzling, vor Kälte und Nässe schlotternd und ebenda mit Entengrütze  übersäet, eine wärmende Ecke suchte. Nachdem ich mich mit Duldung des mitleidvollen Verkaufspersonals etwas aufgewärmt hatte ging es dann immerhin noch cirka drei Kilometer zu Fuß weiter, bis ich unser Haus in der Vorstadt erreichte.

Zu Hause angekommen, ließ ich die glitschigen, etwas modrig riechenden Fische (Oder roch ich etwa so?) voller Begeisterung vor den Augen meiner geschockten Mutter aus dem Ranzen gleiten. Das mit Bangen erwartete Donnerwetter hielt sich ob des unerwarteten Mahles allerdings in Grenzen. Die einzigen Zwangsmaßnahmen die erfolgten, waren, dass ich nach dem Anheizen des riesigen Waschzubers in diesem in Gänze verschwand und anschließend im Bett von Eislöchern und Fischlein weiterträumen durfte. Einmal sogar 14 Tage in Folge. Vor besagtem Kaufhaus wurde mein Vater übrigens einmal, von einem an der Straße parkenden Brauereipferd, gebissen.

*

Schulzeit in Eisenhüttenstadt

Mit Beginn der fünften Klasse erhielt unsere Schule den Status einer Ganztagsschule. Das hieß für uns bis abends um 17 Uhr in der Schule zu verweilen. Dadurch hatten wir natürlich viele Möglichkeiten gemeinsamen Unsinn auszuhecken. So ergab es sich in jenem Schuljahr, ich glaube im Oktober, dass unserer Drei loszogen, um ein paar Hühner zu stehlen. Wir beabsichtigten allerdings nur die Hühner zum Eier legen zu „überreden“, um dann selber Küken aufziehen zu können. Ich war selbstverständlich bei dieser „hochbrisanten Aktion“ dabei. Unser Ziel war ein Gehöft in den nahegelegenen Diehloer Bergen, welches wir vorher tagelang ausgekundschaftet hatten.

 

Nach erfolgreicher Hühnerjagd, wir wollten uns gerade auf den Heimweg machen, hörten wir urplötzlich das markerschütternde Gebrüll des Hühnerbesitzers. Daraufhin ergriffen wir postwendend, Hals über Kopf und unserem Urinstinkt gehorchend, die Flucht. Anfänglich hielten wir dabei die gackernden Hühner noch fest umklammert, die dann jedoch ihrerseits die Flucht ergriffen. Wie es das Schicksal so will, wurden zwei von uns Hühnerdieben nach einer wilden Jagd von dem beklauten Bauern dingfest gemacht. Mir nutzten da das Hakenschlagen und dass ich selber entkam, überhaupt nichts. Letztendlich stand ich zusammen mit den beiden anderen, die mich bei den anschließenden Verhören verpfiffen hatten, vor der Klasse, um meinen Tadel zu kassieren. Das Pionierhalstuch mussten wir aus diesem Anlass ebenfalls  abgeben.

Nur wenige Tage später schickte unser Klassenlehrer Mitschüler los, die bei einem Bauern 12 Junghühner für eine Zucht abholen sollten. Das war aus unserer Sicht natürlich eine Superaktion, die uns da zuteil wurde. Ich brachte dann meinen Schäferhund, den ich nicht zu Hause halten durfte, gleich mit in die Gemeinschaft ein. So ergab es sich, dass ein Schäferhund und 12 Hühner die Nächte gemeinsam im Schulkeller verbrachten.

*

Was mir allerdings dazu noch einfällt, bezieht sich auf meine Sangeskünste. Unser alter Musiklehrer war ein echter musikdampfererfahrener Haudegen, von gedrungener Gestalt und mit in Ehren ergrauter Haarpracht. Schon vor dem Krieg heuerte er, wie er gerne kundtat, auf einem dieser Schiffe an. In seinem Umgang mit uns sollte sich sein raues, von der Seefahrt geprägtes Wesen oftmals bestätigen. Es gab ansonsten auch keinen Lehrer der es sich wagte, Katzenköpfe zu verteilen oder an unseren Ohren solange zu drehen, bis sie den backbordseitigen Farben der Schiffssignalbeleuchtung glichen. Trotzdem mochten wir gerade diesen Lehrer mehr als viele andere, die uns unterrichteten. 

 

Zum Musikunterricht gehörte, wie in diesem Fach üblich, neben dem Notenschreiben, auch ab und an das Vorsingen. Eines Tages sollte es mich kalt erwischen. Ich wurde nämlich zu meinem Entsetzen zum Vorsingen vor die Klasse zitiert. Opa Rose, wie wir ihn fast liebevoll nannten, stimmte dann, sobald ich Position bezogen hatte, mit schmiedeeiserner Hand das Klavier an. Ich schmetterte gleich darauf, aus Leibeskräften, den entsprechenden Text dazu. Das mutete er der Klasse jedoch nicht allzu lange zu, denn er brach seine Klavierbegleitung unversehens ab. Danach drehte er seinen Schemel ganz langsam in meine Richtung und fragte unvermittelt: „Junge singst du im sibirischen Säuferchor“? Die Klasse grölte natürlich, wie sollte es anders sein, während ich mit hochroten Ohren nach einer Antwort suchte.

 

1961, wir saßen gerade im Russischunterricht, brachte der Lautsprecher des Stadtfunks, der sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand, plötzlich eine Durchsage. Als wir begriffen hatten, um was es ging, sprangen die meisten von uns, ohne, dass der Lehrer in der Lage gewesen wäre einzuschreiten, Parterres aus dem Fenster und scharrten uns um Selbigen. Es war der 12. April 1961. Juri Gagarin umkreiste gerade als erster Mensch, in einer Raumkapsel die Erde. Wir Schüler waren eben zu dieser Zeit noch zu echter Begeisterung fähig. Dass die Sowjets damals die ersten waren, die einen Menschen in den Weltraum schickten, passte unserem Russischlehrer anschließend sehr gut ins Unterrichtskonzept.

 

Etwa im gleichen Jahr sollte ein weiteres herausragendes Ereignis fast die ganze Stadt erschüttern. Da gab es doch tatsächlich Schüler die es gewagt hatten den Mädchen der Klasse, bei denen sie schon sichtbar waren, an die Brüste zu fassen. Einmal habe ich das auch probiert, ich gebe es ja zu. Die Rädelsführer dieser hochbrisanten Attacken auf jeden Fall des Öfteren. Irgend eines der Mädchen muss dann eines Tages den Eltern gegenüber ihre Fassungslosigkeit geäußert haben. Jedenfalls reichte das eine Mal, an dem ich mich an diesen „sexuellen Ausschweifungen“ beteiligte aus, um mich im Kreise der Vorverurteilten wieder zu finden. Was mussten wir uns da alles in Fragen von sozialistischer Moral und Ethik anhören. Es war jedenfalls fast ein Donnergrollen, das die erste sozialistische Stadt Deutschlands erzittern ließ. Wir wurden natürlich von Tag zu Tag immer kleiner und hätten alle zusammen in einen Hut gepasst. Es war dann fast ein Wunder, dass niemand der Beteiligten, der Schule verwiesen wurde. Ich glaube, für die Hauptschuldigen gab es deftige Verweise. Ich selber kam nach den umfangreichen Ermittlungen, gerade so eben mit einem Tadel davon.

 

1962 begann ich damit, Gedichte zu schreiben. Das lag aber eher an einem Zufall. Wir sollten in einer Kurzarbeit, ein Frühlingsgedicht, meines Wissens von Eichendorff, schriftlich wiedergeben. Ich wusste zwar noch die Anfangszeilen, danach ging aber irgendwie nichts mehr und ich schrieb munter drauf los. Bei der Rückgabe unserer Arbeiten erklärte die Lehrerin vor der Klasse: „Es ist mir ja fast nicht aufgefallen“. „Trotzdem bekommst du eine Vier“. Damit beendete sie dann resolut ihre positiv - kritische Bewertung meiner „dichterischen Fähigkeiten“.

 

Meinen Tatendrang, weitere Reime zu Papier zu bringen, hatte sie mit diesem Statement allerdings geweckt. Meine Aufsätze wurden, wenn es darum ging, in eigener Phantasie etwas niederzuschreiben, sowieso schon seit längerem vorgelesen. Auch wenn es sehr viele Jahre her ist, erinnere ich mich gerne an die knisternde Spannung, die entstand, bevor ein Schüler mit dem Vorlesen meines Aufsatzes begann. Oft genug hatte ich dabei die Lacher auf meiner Seite. Nur einmal, als es in einem Aufsatz um unseren Berufswunsch ging, schoss ich aus innerster Überzeugung über das schulseitig angedachte Ziel hinaus. Ich schrieb nämlich, dass ich den Schneemenschen, sprich Yeti, aufzuspüren gedenke. Wie ich darauf kam? Ende der fünfziger Jahre wurden gerade wieder einmal vermeintliche Spuren eines Yeti im Pamirgebirge entdeckt. Da ich schon immer von Abenteuerlust geprägt war und es mir keineswegs an Phantasie mangelte, war das ein willkommener Anlass, meine Sehnsüchte zu Papier zu bringen.

 

In der Benotung stand einige Tage später, Thema verfehlt 4, Ausdruck 1. Aber weshalb denn das? Fragte nicht nur ich mich. Ich sag es einfach mal so. Die Lehrerin konnte sich nicht vorstellen, dass eines Tages DDR Bürger im Pamir unterwegs sein würden, eventuell auch auf den Spuren jenes Schneemenschen. Diese Lehrerin sollte den Mauerfall nicht mehr erleben dürfen. Ansonsten hätte ich mich wahrscheinlich gerne noch einmal mit ihr über so vieles unterhalten. Es handelte sich nämlich um eine Frau, die mir nicht nur wegen ihres stetig blitzenden Unterrocks in Erinnerung geblieben ist.

*

1962 ging es eines Tages, in Güterwaggons verfrachtet, nach Frankfurt an der Oder. Zu einer Friedenskundgebung, wie uns gesagt wurde. Als wir auf dem Platz vor dem Rathaus eintrafen, war dort bereits eine unübersehbare Menschenmenge versammelt. Irgendwie gelang es mir, es war noch nie mein Ding gewesen ganz hinten auszuharren, mich ganz langsam und mit viel Geschick bis kurz vor die Tribüne durchzuschieben. Als die Musik einer polnischen Kapelle fast neben mir zu hören war, wusste ich, dass ich es fast geschafft hatte. Wenig später trennten mich dann nur noch eine Stuhlreihe und der Sicherheitsabstand von der Tribüne.  

                                                                                                       

Auf den Stühlen waren, wie ich dann im Laufe des Gesprächs mit einer älteren Dame erfuhr, Arbeiterveteranen platziert worden, die darauf warteten später auf die Bühne gerufen zu werden. Kaum wurde mir das kundgetan, ließ mich der Gedanke, dort oben unbedingt dabei sein zu wollen, nicht mehr los. Nachdem ich der Frau, mit etwas Herzklopfen, meinen Wunsch geäußert hatte, bot sie mir an, mich mit nach oben zu nehmen und als ihren Enkel auszugeben.

 

Nach für mich unendlich langer Zeit hatten dann alle Regierungschefs ihre Reden, von denen ich allerdings nicht viel mitbekam, gehalten. Es waren neben Ulbricht und Chruschtschow noch die Staatsoberen Polens und der CSSR. Daraufhin wurden die Veteranen endlich auf die Bühne beordert. Ich mischte mich nun, voll wilder Entschlossenheit, unter die Gruppe und erreichte gemeinsam mit ihr den Tribünenaufgang. Die Hälfte der Treppe hatte ich bereits zurückgelegt, als ich verspürte, wie mich jemand am Hemd packte und zurückreißen wollte. Während ich mich entschlossen los riss schrie ich, den Blick nach vorn gewandt: „Ich gehör dazu“ und stand kurz darauf, mit den anderen zusammen, auf der Tribüne. Bis hier her reichte wohl der Einflussbereich der Sicherheitskräfte nicht mehr und sie mussten sich zwangsläufig mit dem Tatbestand meiner Anwesenheit, auf der Tribüne, abfinden. Das Herz schlug mir verständlicherweise bis zum Halse, als ich mich bei den Auserwählten mit einreihte.

Kurz darauf begann das Defilee der Staatschefs, einem Jeden von uns die Hand reichend. Nun war ich ja, wie nachvollziehbar sein sollte, mit meinem eher jugendlichen Outfit, im Protokoll überhaupt nicht vorgesehen. Alle Regierungschefs stutzten erst einmal ohne Ausnahme, gaben mir dann aber ebenfalls die Hand. Das Erstaunen stand ihnen dabei förmlich ins Gesicht geschrieben. Es ist mir noch immer in unvergesslicher Erinnerung, wie Nikita S. Chruschtschow dabei breit grinste und Walter Ulbricht sich ein geradezu süßsaures Lächeln abrang. Wenige Stunden später erfuhr ich, dass der ganze Akt im Fernsehen gesendet wurde und ich tatsächlich von einigen Zuschauern erkannt worden bin. Das war also de facto mein erster Fernsehauftritt. Ein Tatsachenbericht von mir, über diesen „unfassbaren Vorgang“, erregte  anfangs noch einiges Aufsehen. Kurz darauf war die Zeit Chruschtschows jedoch abgelaufen und die Aufzeichnungen für niemanden mehr von Interesse.

*

Zwei Seitentrawler der Flotte, dazu gehörte die „Cottbus“, hatten den 16 zu 8 Stundentörn noch nicht abgeschafft. Das hieß während der Fischerei erst nach 16 Arbeitsstunden müde und ausgelaugt in die Koje fallen zu dürfen. In den 16 Stunden wurden Schleppnetze ausgefahren oder eingeholt und der Fisch für die Übergabe vorbereitet. Meist standen wir jedoch während der Schleppzeit an Deck, um den vorhergehenden Fang zu schlachten oder besser zu „Lebern“. Diese Kabeljauleber wurde an Bord zu Lebertran verkocht. Für die Stammbesatzung war das ein lukratives Nebeneinkommen. Zusätzlich wurde der oft reichliche Beifang zu Fischmehl verarbeitet.

Die „Cottbus“ war jedenfalls zu damaliger Zeit eines jener Fischereifahrzeuge auf denen das meiste Geld verdient wurde. Erst bei Temperaturen ab ca. minus 15 Grad wurde auf das Schlachten verzichtet. Bei allen  Temperaturen die darüber lagen, standen wir mit nassen Stoffhandschuhen bis zur Erschöpfung  an Deck, um den Kabeljau aufzuschlitzen und die Leber zu entnehmen. Manches mal war der Fisch am Kopf so groß, dass er kaum festgehalten werden konnte. Aber wehe die Matrosen hatten das Gefühl, dass wir nicht schnell genug waren. Da konnte es schon mal passieren, dass ein glitschiger Fisch auf einmal flugfähig wurde. Es geschah zudem recht häufig, dass noch zusätzlich, beschädigte Netze geflickt oder bei Totalverlust ein neues Netzgeschirr angeschlagen werden musste. Falls die Frage auftauchen sollte, der ausgeschlachtete Kabeljau wurde natürlich ebenfalls an die Fang- und Verarbeitungsschiffe zur Weiterverarbeitung übergeben.

 

Dass dieser Job zu keiner Zeit ungefährlich für Leib und Leben war, sollte folgende Episode belegen. Es hieß wieder einmal Übernahme von leeren Sterten von einem Fang- und Verarbeitungsschiff. An diesen großen Netzen waren, um sie an der Wasseroberfläche zu halten, große schwere Eisenfässer angeschlagen. Nachdem das Netzwerk bereits an Deck lag, wurden die Eisenfässer wie üblich auf das Schutzdach gehievt, um sie dort bis zur nächsten Übergabe zu lagern. Wir standen zu zweit auf dem Dach, um die Fässer in Empfang zu nehmen, als der Trawler in der hohen Dünung, mehr als erwartet überholte. Das geschah in dem Moment als das „Leggo“ (lass fallen) des Netzmachers ertönte. Ich werde nie erfahren was mich veranlasste instinktiv einen Schritt zur Seite zu treten. Jedenfalls schlugen die schweren Eisenfässer aus bestimmt vier Metern Höhe dort auf wo ich auf total vereister Fläche, noch zehntel Sekunden vorher, gestanden hatte. Allen Männern an Bord steckte der Schreck jedenfalls noch Minuten später in den Knochen.

      

Die längste Zeit die ich bei klirrender Kälte mit an Deck stand, waren durchgehende 36 Stunden, nur durch einige Minuten Aufwärmpause unterbrochen. In dieser kurzen Zeit wurde dann schnell ein Pflaumenmusbrot vertilgt und etwas Kaffe hinuntergestürzt. Ich glaube die genannten Beispiele sollten ausreichender Beleg dafür sein, dass wir Jungfacharbeiter die Arbeit an Deck in ihrer extremsten Härte und Gefährlichkeit live kennen gelernt haben.

Die Besatzung honorierte unseren Einsatz allerdings nach jeder Reise indem sie eine Mütze herumgehen ließ, die an den Ausgangspunkt zurückgekehrt, immer reichlich gefüllt war. Dadurch bedingt, hatten wir zu unserer kargen Lehrlingsrente immerhin ein gutes Zubrot. Das hieß real, dass wir mit ca. 1000,- DDR Mark unsere Heimreise in beheimatete Gefilde antreten konnten. Das verdiente zu DDR Zeiten kaum ein Facharbeiter im 4- Schichtbetrieb.

 

Wir erlebten jedoch nicht nur diese unsäglichen, für „Landratten“ unvorstellbaren Arbeitsbedingungen. Vor allem die Natur mit ihrem einmaligen Flair sollte immer wieder für wunderschöne und unvergessliche Augenblicke sorgen. Bis heute sind jene Stunden für mich in steter Erinnerung geblieben in denen ich morgens als Rudergänger auf der Brücke stand, oder noch besser als Ausguck Steuerbords saß und den Sonnenaufgang in Mitten von Eisfeldern erleben durfte. Diese Eisfelder erstreckten sich meist soweit das Auge reichte über den Horizont hinaus. Unvergesslich sind ebenfalls jene Momente, in denen sich die Sonne in unbeschreiblich fluoreszierendem Licht langsam hinter gewaltigen Eisbergmassiven hervorschob. Die dabei entstehende Farbenpracht ist geradezu faszinierend und gleichsam atemberaubend. Wer diese Kraft der Farben einmal live erleben möchte, muss sich schon in die nördlichen Breiten begeben, denn in den europäischen Industriegebieten ist jene Farbenintensität wegen der Luftverschmutzung undenkbar. Von bleibender Erinnerung sind für mich darüber hinaus die Polarlichter, die sich oft des Nachts, über die unermesslichen Weiten des Firmaments ergossen. Dazu gehören aber auch jene Tage, an denen die Sonne zu mitternächtlicher Stunde nicht unterging und wir bei hellem Tageslicht unsere Arbeit an Deck verrichten konnten.

 

Besonders genossen habe ich die seltenen Stunden, an denen keine Arbeit anlag und mich die unendlichen Weiten des Atlantik zum Träumen animierten. Aber ebenso jene Momente, an denen ich in der Ferne die riesigen Leiber unseres Wegs kreuzender Wale ausmachen konnte, die für mich ganz allein mit ihren Spritzfontänen ihren Gruß aus den Tiefen und Weiten des geheimnisvollen Ozeans entboten. Das Leben auf See war eben mehr als das tägliche Schuften an Deck. Zu meinen liebsten Freizeitbeschäftigungen gehörte das Lesen, das Präparieren von Seesternen und Seehasen und wenn die Zeit es einmal zuließ, der Plausch mit meinen Lehrlingskameraden. Das eben genannte sind wesentliche Gründe, weshalb ich trotz der vielen Jahre die inzwischen ins Land gegangen sind, in mir immer noch diese unerklärliche Sehnsucht nach der Ferne verspüre.

 

Ein besonderes Erlebnis wurde für uns, wir fischten nunmehr vor Labrador, das Einlaufen in den Hafen von Sankt Johns, Kanada. Dort mussten wir wieder einmal Treibstoff fassen. Auf den Landgang, den wir dort bekamen, freuten wir uns riesig. Ich glaube unsere Aufregung, erstmals amerikanisches Festland be- treten zu dürfen, ist für jeden nachvollziehbar. Das geschah 1967 auf unserer vorletzten Lehrlingsreise.

 

Mich beeindruckten damals insbesondere die Menschen, denen wir in der kleinen Stadt, auf jener kanadischen Halbinsel begegneten. Der krasse Gegensatz von Einwohnern mit offensichtlich indianischem Einschlag, zu jenen mit europäisch herbem, der ihre englische Herkunft nicht verleugnen ließ, faszinierte mich damals ganz besonders, das weiß ich noch wie heute. In Kanada bestaunten wir sogar die ersten Farbfernseher unseres Lebens, die uns zu bestätigen schienen, aus einer anderen Welt gekommen zu sein. Es war für uns Ostdeutsche sowieso beeindruckend, die Vielfalt der Angebote in den Kaufhäusern live erleben zu dürfen. Ein Handicap gab es allerdings. Da wir keinerlei Landeswährung besaßen blieb nur übrig, uns an den Schaufenstern, im wahrsten Sinne des Wortes, die Nasen platt zu drücken.

 

Einen Augenblick lang spielte ich sogar mit dem Gedanken, nicht mehr an Bord zurückzukehren. Vielleicht hielten mich die Horrorgeschichten von gescheiterten Flüchtlingen, die sich in den Wäldern Kanadas, als Holzfäller verdingen mussten, davon ab. Ich weiß es nicht mehr. Heute sehe ich das allerdings als gezielte Propaganda der DDR Staatsdoktrin an. Übrigens spielte die offizielle DDR Politik zumindest auf den Trawlern fast überhaupt keine Rolle. Es ging einzig und allein darum, „Kohle“ zu machen und davon so viel wie möglich.

 

Die vorletzte Reise sollte nun in den nächsten Tagen, zumindest aus meiner Sicht, zu einem Horrortrip werden. Ohne einen für mich erkennbaren Grund fingen die Besatzungsmitglieder nach dem Wiedererreichen des Fangplatzes plötzlich an, Möwen mit Fischleber anzufüttern. Wenn sich der „Dumme August“, so hieß diese  Möwenart im Volksmund, in seiner Fressgier auf die Leber stürzte, schlugen die Männer mit langen Bootshaken erbarmungslos auf die Tiere ein. Hunderte von ihnen stürzten zu Tode getroffen oder verletzt, auf die Wasserfläche auf. Es war für mich äußerst schmerzhaft und schockierend, wie diese urplötzlich entartete Meute jeden Treffer mit wüstem Gebrüll und Begeisterungsstürmen begleitete. Darüber hinaus fand ich es schrecklich, mit ansehen zu müssen, wie sich die eigenen Artgenossen auf die Verletzten stürzten und diese regelrecht zerfleischt wurden.

      

Mir war bei diesen Szenarien sprichwörtlich zum „Kotzen“ zu Mute. Vor Wut regelrecht schäumend sprach ich daraufhin meine Mitlehrlinge an, ob sie sich das länger mit anschauen wollten. Entsetzt waren sie ja allesamt, aber zu feige dazu, mit mir gemeinsam beim Kapitän zu protestieren. Auch Gustav, einer von den wenigen Decksleuten, die sich dieser Horrorszenarien enthielten, traute es sich nicht, sich einzumischen. Ich wusste natürlich ebenfalls, dass das Kapitänsrecht in jeder Beziehung Gültigkeit hatte und er wie üblich in der Seefahrt, über uneingeschränkte Machtbefugnisse verfügte.

Nach vier Tagen hielt ich es jedenfalls nicht länger aus. Obwohl mir in der Magengegend recht flau war und das Herz bis zum Halse schlug konnte und wollte ich nicht länger schweigen.

Als ich dem Kapitän gegenüber schließlich meine Empörung zum Ausdruck brachte, sprach blanke Wut in seinen Augen. Was ich mich einzumischen hätte, war noch die banalste seiner Reaktionen. Ich wusste, dass er sich, wenn er auf der Brücke anwesend war, ebenfalls köstlich an den Massakern an den unschuldigen Tieren ergötzt hatte. Wahrscheinlich ließ er letztendlich aus Angst davor, dass ich nach dem Einlaufen reden werde, das Szenario verbieten.

Auf der Brücke war danach, wenn ich Ruderwache hatte und er im Dienst war, eisiges Schweigen angesagt. Da unser von der Körpergröße her eher kleine Käptn aber schon immer ein großer Schweiger gewesen ist, brauchte er sich nicht groß umzustellen. Nur, jetzt „polkte“ er noch intensiver an seinem hinteren Halsbereich und die Beule, die dadurch entstand, war wohl nach dieser Reise noch um ein wesentliches größer als sonst üblich.

*

Am 5. Oktober 1968, drei Tage vor meiner Einberufung, schlossen wir in Eisenhüttenstadt den Bund der Ehe. Aus heutiger Sicht kann ich nur resümieren, mich muss der Teufel geritten haben. So sah es auch meine liebe Omi die mich ständig und ausdauernd vor dieser Frau warnte. Erreicht hatte sie allerdings nichts, denn wahrscheinlich ist es in diesem Alter nicht unüblich, dass man so etwas wie ein Brett vorm Kopf hat. Um nicht anderthalb Jahre kaserniert sein zu müssen hatte ich mich zu allem Überfluss für drei Jahre auf Zeit bei der Bereitschaftspolizei in Eisenhüttenstadt verpflichtet.

 

Ich war bereits ganz in Polizeigrün gekleidet, als wir noch im Grundausbildungsmonat eine eigene Wohnung zugewiesen bekamen. Allerdings nicht in Neu- Eisenhüttenstadt, was für mich naheliegend gewesen wäre, sondern im inzwischen eingemeindeten Schifferstädtchen Fürstenberg/Oder. Na ja, wenigstens die eigenen vier Wände dachte ich, ob dieser Zuweisung. Nur, so ein „Luxusappartement“ sieht man selbst in alten Filmen selten. Der Wasserhahn befand sich direkt im Treppenhaus, eine halbe Etage tiefer, während das fast mittelalterlich anmutende Plumpsklo auf dem Hinterhof zu finden war. Dass der Kachelofen im Schlafzimmer nicht beheizt werden konnte, sollten wir dann spätestens im Winter erfahren.

Der Vermieter, der in diesem Haus einmal eine Bäckerei betrieben hatte, war in meinen Augen ein echter „Scherzbold“. Sein Kommentar zu dieser Unbill: „Das machen wir schon“.

 

Die Einheit erwies sich als sehr großzügig und stellte mir für den Einzug kostenlos ein Fahrzeug und die notwendigen Helfer zur Verfügung. Ein paar alte Möbel, die wir von einer unlängst verstorbenen Tante, aus Berlin abholten, bildeten danach unser bescheidenes Mobiliar.

      

Bald darauf sollte ich erfahren, dass einer der Helfer seine Dienste auch in den privaten Bereich ausgedehnt hatte. Mir war wirklich hundeelend zumute sobald mir das bewusst wurde. Zumal ich zur Tatenlosigkeit verdammt war, während ich auf die Abreise zur Unterführerschule nach Liegau, bei Radeberg wartete.

Das halbe Jahr, das ich dann auf der Unterführerschule verbrachte, war die bis dahin schrecklichste Zeit meines Lebens.. Was gibt es schlimmeres für einen Menschen, als sich an die Kette gelegt zu fühlen und sein Schicksal nicht selber beeinflussen zu können. Ich wusste ja inzwischen, dass meine Frau sich in fremden Betten herumtrieb oder sich mit irgendwelchen Typen in unseren herum wälzte.  Es waren schreckliche Gedanken für mich. Die Nächte waren das Schlimmste. Oft genug führte mein Weg am Morgen als erstes zum Klo, um mich zu übergeben. Ich hatte nämlich durch dieses Drama Probleme mit dem Magen bekommen und fühlte mich insgesamt gesehen sauelend. Es war jedenfalls fürchterlich. Am schlimmsten war für mich diese Ohnmacht, den Tatsachen gegenüber wehrlos ausgeliefert zu sein. Alle Umstände zusammen genommen brachten mich schier an den Rand der Verzweiflung. Immerhin hatte ich mich auf dieser Schule selber eingesperrt. Es war damals meine eigene und freie Entscheidung gewesen diesen Schritt zu gehen, nach dem ich vorher meinen Job Hals über Kopf gekündigt hatte. Damit wurde mir nun mein Glaube an den guten Kern in jedem Menschen das erste Mal so richtig zum Verhängnis. Welch bittere, aber leider zu späte Einsicht.

 

Nur gut, dass ich nicht ahnen konnte, dass es in den vielen Jahren danach noch sehr viel schlimmer kommen sollte. Kurz bevor ich im Rang eines Oberwachtmeisters mit spezieller Funkerausbildung wieder aus Liegau zurückkehrte, brachte meine Ehegattin in Berlin einen Jungen zur Welt.

      

Trotz aller Widrigkeiten freute ich mich natürlich riesig darauf, meinen Sohn das erste Mal zu sehen und auf dem Arm halten zu dürfen. Das geschah noch im Berliner Krankenhaus, denn ich bekam aus diesem Anlass ein paar Tage Sonderurlaub. Ich muss gestehen, bei dieser ersten Begegnung mit meinem kleinen süßen Sohn, diesem unscheinbaren und doch so lebendigen Wesen, hatte ich echte Vatergefühle. Das schloss natürlich den Stolz den ich empfand mit ein. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich auch noch, dass sich nun alles zum Besseren wenden würde.  Jedoch, so traurig und unvorstellbar wie es für mich war, nicht einmal die Geburt unseres Sohnes bewegte sie dazu ihrem Leben eine Wendung beziehungsweise einen Sinn zu geben und wenigstens für das Baby da zu sein. Mit der Zeit wurde es sogar immer extremer. Sie überließ den Jungen sich selbst, trieb sich herum und ging nun, um das Maß aller Dinge voll zu machen, immer öfter, auf Diebestour.

 

Eines Tages, kam ich unvermutet nach Hause und fand den Kleinen in einem erbarmungswürdigen Zustand vor. Er musste schon viele Stunden lang in seinem durchnässten Zeug und ohne mit Nahrung versorgt worden zu sein, gelegen haben. Wahrscheinlich hätte er ohne meine unverhoffte Heimkehr nicht überlebt. So sah es zumindest die Ärztin, die ich gleich darauf konsultierte. Ich verstand, das sollte naheliegend sein, diese Frau nun gar nicht mehr. Sie wusste nämlich sehr gut dass, obwohl ich entkaserniert war, nie eine Garantie bestand, dass ich abends wirklich Daheim sein würde. Ich kam nun zwangsläufig zu der schmerzhaften Erkenntnis, dass sie nicht in der Lage war und sein würde Muttergefühle zu entwickeln und ihr das Schicksal des eigenen kleinen Sohnes völlig gleichgültig war.

Am nächsten Morgen blieb mir in dieser auswegslosen Situation nichts weiter übrig, als den Jungen mit in die Kaserne zu nehmen. Das war in diesem Objekt verständlicherweise, ein bis dahin einmaliger Vorgang. Als ich mit dem Kleinen im Speisesaal auftauchte, um ihm sein Fläschchen zuzubereiten, fielen manchem fast die Augen auf den Teller.

*

Eine Geschichte, die ich auch nicht vergessen werde, hatte ebenfalls mit Falkensee zu tun. Wir hatten gerade ein gebrauchtes „Jawa“ Moped erstanden, als eine Fahrt dorthin geplant war. Nun hatte ich aber überhaupt keine Lust, mit dem Zug mitzufahren, sondern wollte die Strecke unbedingt mit meinem Moped zurücklegen. Wir hatten nämlich Urlaub und ich fand es nicht schlecht, auch dort vor Ort motorisiert zu sein. Allerdings reizte mich natürlich die Fahrt selber auch ganz schön. Gesagt getan. Ich verfrachtete unsere kleine Goldhamsterzucht so ca. fünf an der Zahl, in einen größeren Pappkarton, verstaute ein wenig Gepäck und auf ging es frohen Mutes in Richtung Autobahn. Mit meinen 65 Kilometer je Stunde brauchte ich natürlich überhaupt keine Konkurrenz zu fürchten, da bekanntlich selbst die Trabbis schneller waren.

      

Es vergingen so einige Stunden, immer im Spitzengeschwindigkeitsbereich. Als die ersten Westautos in Richtung Grenzübergang Potsdam Drewitz an mir vorbeibrausten glaubte ich, es fast geschafft zu haben. Da ich erst so gegen 16.00 Uhr losgefahren war, drehte ich den Gashahn weiterhin voll auf, um wenigstens noch vor Einbruch der Dunkelheit am Ziel zu sein. Aber denkste. Um ca. 22.00 Uhr fing der Motor plötzlich an zu stottern. Ich konnte danach machen was ich wollte, nichts ging mehr. Also hieß es erst einmal eine Rast auf dem Seitenstreifen einzulegen. Dass mir bei der Aussicht, die Nacht an der Autobahn zu verbringen, etwas schwindelig wurde, sollte nachvollziehbar sein.

Der Schreck fuhr mir dann förmlich in die Glieder als ich bemerkte, dass meine Hamster inzwischen fleißig gewesen waren und einige Löcher in das Behältnis genagt hatten. Zu meinem Entsetzen musste ich gleich darauf feststellen, dass sich einige dieser Tierchen bereits auf der Flucht befanden. Nun galt es für mich zu verhindern, dass sie die Autobahn erreichten. Was blieb mir also übrig. Ich ging in der bereits einsetzenden Dämmerung, an der Autobahn, auf Hamsterjagd. Es gelang mir tatsächlich alle kleinen Ausreißer wieder wohlbehalten in ihrer Kiste unterzubringen. Am Tage schliefen die lieben Kleinen, ja üblicherweise, aber abends wurden sie eben naturbedingt putzmunter.

      

Nun ging es erst einmal zu Fuß auf dem Randstreifen weiter, dabei immer die kleinen Nager im Visier behaltend. Die Dunkelheit war, während ich „voller Begeisterung“ das schwere Moped ins Unendliche schob und schob, bereits völlig über meinem Tiertransport hereingebrochen. Ich war dann bestimmt schon eine Stunde unterwegs gewesen, als neben mir unvermittelt Bremsen quietschten. Als erstens nahm ich dann zwei total perplexe Polizisten wahr, die mich einfach nicht auf die Reihe bekamen. Nachdem sie ihre Standpauke, in der das Wort zerfetzen mehrmals vorkam, beendet hatten, schalteten sie das Blaulicht ein und geleiteten mich bis zur nächsten Autobahnabfahrt. Die erreichten wir „schon“ nach etwa einer dreiviertel Stunde, da ich jetzt zu Fuß Vollgas gab, um meine ungeduldige Eskorte nicht noch mehr zu verärgern. Von dort aus wiesen sie mir den Weg zu einer Chaussee, die in Richtung Potsdam führen sollte.

      

So schob ich dann im Dunkel der Nacht Stunde um Stunde und sollte so um ca. 4.00 Uhr, der Morgen brach sich bereits seinen Bann, tatsächlich die Stadtgrenze von Potsdam erreichen. Allerdings bis ins Zentrum war es noch ein sehr, sehr langer Weg. Davon kündeten inzwischen auch meine nach Ruhe schreienden Füße. Das Ortseingangsschild hauchte mir jedoch neues Leben ein und so brauchte ich „nur“ noch zwei oder drei Stunden, bis ich das Stadtzentrum erreichte. Dort fand ich dann nach längerem Suchen tatsächlich eine Werkstatt, die meine Maschine in liebevolle Pflege nehmen wollte. Der Werkstattmeister versprach mir dazu noch in die Hand, den Schaden innerhalb von drei Tagen behoben zu haben. Kann ein Mensch glücklicher sein?

 

Auf dem Weg zum Bahnhof hatte ich dann die völlig unerwartete Begegnung mit jenem Gustav, mit dem ich in den Tagen der Hochseefischerei eine Kajüte teilte. Mein Gustav war, nachdem ich ihm über die Widrigkeiten, die mir geschehen waren berichtete, regelrecht fassungslos. Es kann sogar sein, dass er mir insgeheim einen Vogel zeigte. Vor allem, nachdem er meine Begleitung kennen lernen durfte.

Es war für mich ein echtes Glücksgefühl, als ich im Zug nach Falkensee, voller Gewissheit, das Ende meiner Odyssee fasst erreicht zu haben, die Beine ausstrecken konnte. Der sich fast kringelig lachende Urgroßvater gehörte dann schon zum krönenden Abschluss meiner Goldhamsterfahrt.    

*

Die Familienbande meiner Frau waren für mich übrigens äußerst interessant. Ihr Onkel war in Houston Texas in der Raumschifffahrt tätig und ihre Großmutter mütterlicherseits besaß in eben diesem Houston ein Juweliergeschäft. Diese Großmutter kennen zu lernen hatte ich selber zweimal Gelegenheit, als sie uns in Eisenhüttenstadt   besuchte. Ich werde nie vergessen wie sie damals sagte: „Wenn ich das wenige und dazu noch grau in grau geschilderte geglaubt hätte, wäre ich nie in die DDR gekommen“.

Vor allem das Eisenhüttenstädter Naherholungsgebiet, die Insel, mit ihren gepflegten Anlagen, dem Tiergehege und der Schwimmhalle hinterließen bei ihr einen nachhaltigen Eindruck. Ich werde einen Satz, den sie bei ihrem letzten Besuch 1979 sagte, nie vergessen: „Passt auf, dass euch das niemand weg- nimmt“! Schon 10 Jahre später sollten ihre Worte eine ungeahnte Bedeutung bekommen. Ihren hochdotierten Job musste meine Schwiegermutter übrigens, auf Grund ihrer zahlreichen Verwandtschaft in Westdeutschland, Westberlin und den USA Mitte der siebziger Jahre aufgeben. Es war eben ein Novum der DDR Politiker, sich im eigenen Land auf diesem Wege Feinde zu schaffen. Die Rechnungen dafür wurden den DDR Staatsoberen ja bekanntlich eines Tages vom Volk präsentiert.

*

Der erste Meister, dem ich in dieser Abteilung begegnete, war eigentlich ein recht netter Kerl. Leider war er dem Alkohol über alle Maßen zugetan und brachte dadurch einige Fehlschichten auf seine eigene Anwesenheitsliste. Das Resultat war, dass er bereits kurz nach meiner Arbeitsaufnahme von seiner Position entbunden wurde. Die Nummer zwei bekam dann schon nach kurzer Zeit eine andere Stelle zugewiesen.

Der dritte Meister ließ mich, ständig mit geballter Faust in der Tasche durch die Gegend laufen, denn er war einer derjenigen, die mit für das schnelle Ende meiner ersten Ehe gesorgt hatten. Er war seinerzeit der auserwählte Möbelpacker von der Bereitschaftspolizei. Er blieb allerdings wegen totaler Überforderung nicht allzu lange bei uns. Erst der vierte Meister, innerhalb kurzer Zeiträume, machte den Eindruck, als wenn er sich auf Lebenszeit in unserem Kollektiv einzurichten gedenke. Es hatte sich in seinem Fall allerdings recht schnell herumgesprochen, dass er im Auftrag der Stasi geschickt worden war, um bei uns für Ordnung zu sorgen. Es war nämlich im gesamten Kombinatsbereich und nicht nur in Insiderkreisen bekannt, dass nirgendwo so viel gesoffen wurde wie in dieser Abteilung, die eigentlich das rollende Herz des Werkes darstellte. Von hier aus wurden Autokrane, Schienenkrane, Traktoren und andere Transportmittel für Großreparaturen und alle anderweitig anfallenden Reparaturen und Transportaufgaben zur Verfügung gestellt.

 

In den ersten Tagen gab sich dieser Meister R. allerdings sehr jovial, um dann langsam in Fragen Zwangsmaßnahmen die Katze aus dem Sack zu lassen. In der Folgezeit kündigten, meines Wissens dreizehn unserer „Schluckspechte“ oder ließen sich in andere Abteilungen versetzen. Dreizehn von dreißig, das sprach für diesen Stasioffizier, der in den Augen seiner Auftraggeber seiner Sache wahrscheinlich sehr gut gerecht wurde. Wobei ich zugeben muss, dass der Anlass für Veränderungen bei unseren „Chaoten“ schon gegeben war und dass der ein oder andere von uns, das zumindest genauso sah. Nur musste sich nun gerade die Stasi einmischen. Dafür hatte jedenfalls, bis auf eine Person, niemand Verständnis.

Eins kann ich hier schon einmal sagen; Den hauptsächlichen Anlass seiner Delegierung, die Alkoholvernichtungsaktionen unserer Leute, bekam auch er, trotz jahrelanger Bemühungen, nicht in den Griff. Im Gegenteil, im Laufe der Zeit wurde er immer ruhiger und ging nur noch sporadisch in die Offensive. Wahrscheinlich, weil er wusste, dass er selber auch nicht mehr unangreifbar war.

      

Wir wunderten uns übrigens häufig darüber, wie gut er über einzelne Personen informiert war. Nach der Wende sollte sich dann herausstellen, dass ein Kollege, der seit je her die meisten Auszeichnungen bekam und in den Westen reisen durfte, über Jahre hinweg für die Stasi Spitzeldienste geleistet hatte. Er war auch der Einzige, der sich damals sichtbar darüber freute, dass die Stasi bei uns in die Offensive ging. Nur kannten wir den wahren Grund für seine Freude verständlicherweise nicht und sahen das eher personenbezogen.

     

Ich kam jedenfalls mit allen beiden nicht allzu gut zurecht. Vielleicht lag das ja an einem gesunden Instinkt meinerseits und so etwas wie einem aufrechten Gang. Ich glaube es zumindest. Den Nachweis sollte ich dann auch allzu bald erbringen können. Wir verstanden jedenfalls in unserer Naivität nicht, dass dieser Kollege der Einzige war, der mit unserem Meister sehr gut aus- und zurechtkam und sie sich uns gegenüber wie ein Herz und eine Seele offenbarten. Jetzt im Nachhinein bedarf es natürlich keiner Erklärung mehr.

*

An ein Ereignis mit dem Nico werde ich schon wegen einer Narbe auf einem meiner Handrücken zeitlebens erinnert werden. Er war gerade ein halbes Jahr alt, als ich mit ihm am Fahrrad in der Stadt unterwegs war. Auf den Kindersitz vor mir hatte ich meinen Jüngsten platziert. Unvermittelt kam plötzlich ein kleiner Terrier über die Straße geschossen und biss meinem Schäferhund voll grimmiger Kampfeslust ins Hinterbein. Ich hatte natürlich in diesem Moment alle Mühe, nicht vom Fahrrad zu fliegen. Letztendlich sollte diese „Heimtückische Attacke“ jedoch glimpflich abgehen. Ein Problem hatte ich jedoch seit jenem Tag. Ich musste bei kleineren Hunden jedweder Rassen von nun an besonders wachsam sein. Jahrelang sollte das auch gut gehen. Nur einmal traf es mich wie der Blitz aus heiterem Himmel.

      

Ich war eines Nachmittags, wie so oft schon mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs. Plötzlich gab es einen Ruck am Fahrradlenker und ehe ich mich versah, hing der Rüde einem kleineren Hund an der Kehle. Sofort ließ ich daraufhin das Fahrrad fallen, um mich ebenfalls ins Getümmel zu stürzen.

Der Rasen, auf dem der Kampf stattfand, lag unmittelbar an der Einmündung zum Werkgelände des Eisenhüttenkombinates. Da gerade Schichtschluss für die Normalschicht war, hatten wir natürlich recht schnell eine imposante Zuschauerkulisse. Deren Kommentare nahm ich jedoch gar nicht wahr, da ich vollauf damit beschäftigt war die Hunde auseinander zu bringen. Das Endresultat war jedenfalls, dass ich, nachdem ich die beiden endlich auseinander gebracht hatte, völlig blutbesudelt den Arzt aufsuchen musste. Einzig den Hunden war nichts weiter passiert.

Meine Kollegen bekamen, als ich am nächsten Tag meinen Krankensschein ablieferte, regelrecht Lachkrämpfe. Einen Arm schmückte nämlich ein dicker Mullverband und den anderen ein ansehnlicher Gips. Zu meinem Glück war jedoch auch mir nichts weiter passiert, außer den imposanten Wunden eben.

*

Teil 3

 

Bad Schwartau und der Fluch des Andersseins -

Ein Weg in die Verdammnis?

Nach Hause fuhr ich, nach meinem letzten Leipzigbesuch, nur noch für wenige Tage, um ein paar persönliche Sachen zu packen. In Eisenhüttenstadt konnte ich unter den gegebenen Umständen sowieso nicht bleiben, das war mir völlig klar. Nicht nur die offizielle Namensänderung war es, die mich daran hinderte, sondern auch mein hervorragend gelungener Busen. Mit dem konnte ich mich in dieser Stadt wahrlich nicht sehen lassen. Was blieb mir also an Alternativen übrig? Nichts! So zog ich los, ins Ungewisse. Die wenigen Bekleidungsstücke im Koffer beinhalteten dabei fast mein ganzes Vermögen. Das war dadurch bedingt, dass ich bis dahin, trotz Scheidung, mein Einkommen, meiner Familie, in Gänze, zur Verfügung gestellt hatte. Auf die Idee es anders zu arrangieren, wäre ich gar nicht gekommen.

Der Tag an dem ich das Haus am frühen Morgen verlassen sollte, war ein Werktag. Das ersparte uns allen ein größeres Abschiedsprozedere. Die Kinder waren bereits in der Schule und meine Ex- Gattin auf ihrer Arbeitsstelle. Am Abend vorher hatten wir zwar über meine Abreise gesprochen, aber alle Beteiligten wussten ja, dass es für mich keine andere Möglichkeit geben würde und so vollzog sich dieser Abschied für immer in einem sehr ruhigen Rahmen.

 

Dass mein Zustand, als ich die Wohnungstür ins Schloss fallen ließ, nicht gerade der optimale war, sollte verständlich sein. Allerdings die Neugier darauf, was mir die unwägbare Zukunft bringen würde, ließ auch bei mir keinen allzu großen Abschiedsschmerz aufkommen. 

Meine Eltern und Geschwister sollten dann eines Tages nicht schlecht staunen, als sie von mir, die ersten Grüße aus der Ferne bekamen. Da aber einige von ihnen zu dieser Zeit ebenfalls ihre Heimat verließen, fiel meine Abwesenheit gar nicht groß auf.

 

Mein Traumziel war schon immer der Norden Deutschlands gewesen. Entscheidend dafür, war wohl meine immerwährende Sehnsucht nach der Nähe zum Meer, zu Häfen und überhaupt allem Maritimen. Daher dachte ich zuerst an Hamburg, der für mich oder den Ostdeutschen überhaupt, geheimnisumwitterten, rätselhaften Stadt.  Mit dieser Orientierung meldete ich mich vier Tage später beim Bundesgrenzschutz in Lübeck. Ich hatte zuvor erfahren, dass in Lübeck die offizielle Meldestelle für den Norden sein sollte. Dort beabsichtigte ich einen offiziellen Antrag als nunmehrige Übersiedlerin zu stellen.

      

Die situationsgestählten BGS- Beamten fielen jedoch erst einmal aus allen Wolken. Das hatten sie so auch noch nicht erlebt. Eine Person in Männerbekleidung, mit, laut Papieren, weiblichem Vornamen, das konnten sie einfach nicht nachvollziehen. Auf das westliche Prozedere bezogen, hatten sie damit ja auch Recht. Jedenfalls starrten sie bei der Vorlage meiner Papiere unentwegt auf das weibliche Passbild in meinem Ausweis und sprachen mehr oder weniger desorientiert zu sich selber wie: "Das sind sie nicht, das ist ihre Schwester“, bis zu „Wo haben sie denn diesen Ausweis gefunden“? Ich war jedenfalls nicht in der Lage die Zweifel, der verzweifelten Beamten, vor Ort auszuräumen. Sie entschieden sich dafür, mich noch einmal nach Hause zu schicken, mit der Auflage verbunden, mir eine beglaubigte Geburtsurkunde zu beschaffen, Die erhielt ich dann, nachdem mein Anliegen dort endlich begriffen wurde, beim Geburtenregister in Frankfurt/Oder. Danach musste ich aber noch zwei Mal zur Klärung von Formalitäten, in den Osten reisen. Dann fiel den in meinem Fall etwas überforderten Beamten nichts mehr ein. Sie schickten mich, mit den entsprechenden Formularen versehen, postwendend ins Übergangslager nach Neumünster. Dort verblieb ich so ca. 14 Tage in der Hoffnung, nach Hamburg weiterreisen zu können.

 

Nichts von dem traf jedoch ein. Ich erhielt eine Überweisung nach Bad Schwartau, mit dem Hinweis unterlegt, dass man es einfach nur gut mit mir meine. Das empfand ich nun selber, als „Wirklich tolle Lösung“! Von Bad Schwartau hatte ich nämlich noch nie etwas gehört und mir war auch nicht ganz klar, was ich dort sollte. Später erfuhr ich dann sogar, dass die Bad Schwartauer Verwaltung, meine Person betreffend, vorgewarnt wurde. In diesem Zusammenhang sagte man mir ebenfalls, dass ich die letzte, offiziell registrierte Übersiedlerin aus der DDR in dieser Stadt gewesen sei.

 

Mit dem Einzug in Bad Schwartau hatte sich das Thema DDR, rein gesellschaftlich gesehen, zwangsläufig erledigt. Es war zumindest für mich, ab jenem Zeitpunkt, nur noch zur ostalgischen Erinnerung degeneriert. Wobei ich noch immer vieles an der DDR und der Entwicklung danach, im Gegensatz zu 90% ehemaliger DDR Bürger, die sich von einem Tag auf den anderen als Widerstandskämpfer outeten, wesentlich realistischer bewertete.

 

Nun aber zu meinen Erfahrungen die ich, als Neubürgerin in Bad Schwartau, machen sollte. Meine erste Unterkunft fand ich im Jugend- und Freizeitheim der Stadt, zusammen mit drei männlichen Übersiedlern. Das war eine recht unangenehme und für mich nicht ganz ungefährliche Situation, denn ich musste aus gewiss nachvollziehbaren Gründen immer darauf achten, im Waschraum von den Mitbewohnern nicht erwischt zu werden. Ansonsten wäre nämlich der Ärger für mich vorprogrammiert gewesen. Nach drei mir endlos erscheinenden Wochen, die ich im Heim regelrecht absaß, wurde ich endlich aus dieser misslichen Lage erlöst. Ich bekam eine Sozialwohnung zugewiesen.

 

Ansprüche konnte ich nun wirklich nicht stellen, aber was mich dort erwartete sollte alle bisher gemachten Erfahrungen weit in den Schatten stellen. Diese sogenannte „Dachgeschosswohnung“ verfügte zum Beispiel gerade einmal über ein klitzekleines Fenster im Wohnzimmer, aus dem ich nur rausschauen konnte, wenn ich mich auf die Zehenspitzen stellte. Mit der Dunkelheit, nicht nur aus der dunkelbraunen Tapete resultierend, konnte ich mich ja noch abfinden, mit den verwohnten Möbeln auch, aber mit den Mäusen, die in der Küche selbst am Tage auf dem Tisch tanzten, schon weniger.

In der Mausefalle, die ich zwangsläufig aufstellen musste, fand ich dann sogar niedliche, ganz junge, schwarz weiß gefleckte Mäuschen vor. Irgendwie taten die mir ja leid. Nur wenn ich daran dachte, dass die des Nachts eventuell über mein Bett flanierten, war mir dieser Weg der Entsorgung doch schon willkommen. Die Toilette eine Treppe tiefer im Treppenaufgang, war allerdings auch gewöhnungsbedürftig. Schlimm wurde es im ersten Winter, als ich vergeblich versuchte, den kleinen, überalterten Gasofen, dazu meine einzige Heizquelle, in Gang zu bringen. Das sollte mir erst nach etwa einem Monat gelingen. Fragen wollte ich damals niemanden, denn wer ist schon zu blöd dazu, einen Ofen in Gang zu setzen.

Irgendwann wurde mir mal gesagt, dass dieses Loch vorher an einen Afrikaner vermietet gewesen sei. Der war wohl eines Tages nicht mehr auffindbar. Dafür hatten seine Kumpels zu sechst Quartier bezogen.

 

In diesem Verschlag wohnte ich drei lange Jahre bis es mir in Eigeninitiative gelang, eine schöne Eigentumswohnung, als Mieterin zu beziehen. Vorher musste ich jedoch der total mit Formaldehyd verseuchten Sperrholzverkleidung dieser Wohnung, meinen Tribut zollen. Auf einmal gelang mir zu meiner Verwunderung nämlich gar nichts mehr. Ich war kaum noch in der Lage, selbstständig geradeaus zugucken, konnte mich nicht konzentrieren und hatte fortwährend über dauerhafte Kopfschmerzen zu klagen. Das Ende vom Lied war, dass ich eine Umschulung zur Bürokauffrau abbrechen musste. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten aber noch zweieinhalb Jahre ins Land gehen.

 

Auf dem Sozialamt wurde ich eines Tages von einer auf mich resolut wirkenden älteren Dame  freundlich angesprochen und gefragt: „Haben sie Interesse auf dem Wochenmarkt beim Obst und Gemüseverkauf tätig zu werden“? Aber Hallo, na klar hatte ich.

 

Nur ein paar Tage darauf, es war Anfang September, stand ich am Stand und verkaufte fleißig Obst- und Gemüse. Sehr schnell sollte ich dann sogar zum Sympathieträger aus dem Osten avancieren, ich glaube, nicht nur meines Dialektes wegen. Einige Stammkundinnen sagten mir jedoch ganz direkt: „Ich komme extra zu ihnen, weil ich ihren Dialekt so liebe“. Dieser Dialekt, gepaart mit Randberliner Humor, den ich in mir wiederentdeckt hatte, waren eine tolle Symbiose für meine Etablierung in diesem fremden Land und seinem mir unbekannten Wesen, dem Schleswig - Holsteiner.

 

Dass ich mit dem Verkaufsteam sehr gut zurechtkam spielte für mich eine wichtige Rolle. Ein Problem hatte ich jedoch, wie leicht nachvollziehbar sein sollte. Niemand durfte ja mitbekommen, was in und mit mir wirklich gehauen und gestochen war. Dazu zählte auch meine nicht erklärbare, namentliche Identität. Durch meine gut kaschierende Lederjacke und meinen breitkrempigen Hut sollte es mir aber tatsächlich gelingen, bis zum Tag meiner Offenbarung, nichts an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Ein ehemaliger Student sagte mir unlängst, bei einem Glas Wein, dass man sich gewundert hätte, dass ich selbst bei höheren Temperaturen nicht auf meine Lederjacke verzichtete. Also aufgefallen bin ich mit dieser speziellen Selbstschutzbekleidung schon.

      

Irgendwie musste ich mit diesem Outfit sogar dem Udo Lindenberg ähnlich gesehen haben, denn bei einigen Bad Schwartauern hatte ich besagten Spitznamen bald weg. Wobei es mir schon vorher in Berlin West passierte, dass mich einige mit: „Hallo Udo“, ansprachen oder ich rufen hörte: „Schau mal da geht der Udo Lindenberg“. Das ist echt wahr. Den etwas hervorragenden Gesichtserker hatte ich ja bereits und auch passend zu dieser Sichtweise, längere Haare. Wobei ich auf diese Art der Identifikation keinen Wert legte. Vielleicht sah ja der Udo eher mir ähnlich.

*

Es gibt kein Zurück mehr

Ein ganzes Jahr brauchte ich auf meinen Operationstermin nun doch nicht mehr zu warten. Zwischenzeitlich hatte ich ebenfalls in der Uniklinik Kassel vorgesprochen. Die wollten von mir allerdings erst einmal richtige Geldscheine sehen und die cash auf die Hand. Daraufhin entschied ich mich nun doch noch für Leipzig. Im Februar 1992, ich glaube es war am 2, reiste ich dann, fest entschlossen aber mit einem bangen Gefühl in der Magengegend, in der Uniklinik an. Am frühen Morgen des 10. Februar sollte ich bereits, mit einer Betäubungsspritze versorgt, auf einer Bahre liegen. Ich war schon fast weggetreten, als ich von mitfühlendem Personal immer noch gefragt wurde, ob ich mir das richtig überlegt hätte. Das hatte ich allerdings, denn vor mir weggelaufen war ich ja nun wahrlich schon oft genug. Die vielen Tränen, die ich wegen meines nicht nur einmal verfluchten Schicksals vergossen hatte, brachten mich inzwischen zu der Erkenntnis, entweder diesen Schritt zu gehen oder gewaltsam aus dem Leben zu scheiden. So wäre es jedenfalls nicht weitergegangen. Auch der Hinweis ehrlich besorgter Schwestern, dass für mich auf Grund der Kompliziertheit dieser Operation, das letzte Stündlein geschlagen haben könnte, brachten mich von meinem Vorhaben nicht mehr ab. Ich ließ mich einfach fallen und den Dingen, die da mit 17 jähriger Verspätung kommen sollten, ihren Lauf.

*

Die „Passat“, „Das große Abenteuer“

Im Oktober sollte es jedoch schon wieder ganz anders aussehen, wenn auch nicht gerade in finanzieller Hinsicht. Für mich begann genau am 11. 10. 1994 die spannendste Geschichte meines Lebens. Auf der Titelseite der Lübecker Nachrichten war an diesem Tag ein Beitrag erschienen, der für mich inhaltlich gesehen, überhaupt nicht nachvollziehbar war. Die Schlagzeile lautete „45 internationale Wirtschaftsführer wollten die „Passat“ besichtigen“ und als Untertitel „Für Top- Manager geschlossen“. Die Lübecker Nachrichten ließen es sich an besagtem Tag nicht nehmen, in einem Leitartikel sehr ausführlich über den atemberaubenden Eklat zu berichten. Sie wiesen darüber hinaus darauf hin, dass im Frühjahr in einer Freizeitbroschüre eine fünfseitige, von Reemtsma gesponserte Geschichte der „Passat“ erschienen sei. Dabei handelte es sich genau um die von mir gestaltete Präsentation.

 

Ich konnte es einfach nicht fassen, denn ich dachte bei den zahlreichen Gesprächen mit den Reemtsma- Managern vor allem auch an eine langfristig orientierte Sponsorentätigkeit des namhaften Unternehmens. Nun hatte es die Hansestadt Lübeck wirklich fertiggebracht diesen Leuten den Zutritt auf den vor Lübeck - Travemünde, als Museumsschiff vor Anker liegenden „Hamborger Veermaster“, zu verwehren.

 

Als erstes rief ich, innerlich noch sehr erregt, den Vorsitzenden des Vereins an. Der riet mir auf jeden Fall, ein Anschreiben an den Bürgermeister zu richten und darin mein Unverständnis zu besagtem Vorgang zum Ausdruck zu bringen. Also erhielt der Bürgermeister von mir eine Protestresolution, in der ich ihn unter anderem auf die verpasste Chance, bezüglich des international renommierten Unternehmens Reemtsma hinwies. Antwort bekam ich dann von einem Angestellten, dessen konfuses Gestammel mir bis heute unverständlich geblieben ist.

 

Genau seit diesem Zeitpunkt ließ mich das Schicksal der „Passat“ nicht mehr zur Ruhe kommen. In meinem Fall schien sich der Spruch wieder einmal zu bestätigen: „Einmal Seefahrt, immer der Seefahrt verbunden“. Da ich zu dieser Zeit an Begeisterungsfähigkeit nichts eingebüßt hatte, reifte in mir im Laufe der nächsten Tage eine Idee die bundesweites Aufsehen erregen und im Einklang damit echte Begeisterung hervorrufen sollte. Letztendlich aber durch Unverständnis und Ablehnung, meine Person betreffend, zum Scheitern verurteilt war. Einziger Grund; Es gab wieder einmal Leute, die mich wegen meiner Geschichte lieber den Wölfen zum Fraß vorgeworfen hätten. Ich sage es so drastisch, weil es einfach den Tatsachen entspricht.

Dass diese internationale Kampagne allerdings wirklich in jeder Beziehung als gescheitert anzusehen ist, möchte sogar ich, obwohl man es mir suggerierte, in Zweifel stellen. Hier sollte sich nachfolgend jeder selber ein Bild machen.

 

Die Idee, die ich unter dem Slogan „Internationale Medienkampagne zur Rettung der Passat“ mit Leben erfüllte, erreichte tatsächlich den letzten Winkel im deutschsprachigen Raum. Meine Erfahrung, in den obersten Etagen a la Couleur anzusetzen, um die Erfolgswahrscheinlichkeit zu optimieren, sollte in diesem Fall wertvolle Früchte tragen. Dazu trug maßgeblich ein Rundschreiben bei, das neben dem damaligen Bundeskanzler und der Ministerpräsidentin des Landes Schleswig – Holstein, zahlreiche Fernsehsender,  vor allem auch führende Unternehmen der Bundesrepublik Deutschland, erhielten.

 

Mein Plan bestand im Wesentlichen darin, über einen im Sponsoring finanzierten Fernsehspot zu Spenden im gesamten deutschsprachigen Raum aufzurufen. Die Spender sollten dann bei einem Mindesteinsatz von 10, - DM an einer Verlosung teilnehmen, um mit ein wenig Glück wertvolle Preise gewinnen zu können.

Es verging jedoch noch gut ein Monat, bis ich meine Konzeption vor den für die „Passat“ zuständigen Mitarbeitern und Senatoren der Stadt vorstellen konnte. Der größte Unfug, der danach passierte, war das an mich gerichtete offizielle Verbot, Vereine und Verbände der Hansestadt Lübeck ansprechen zu dürfen und das, obwohl der Senat meine Vorschläge mir gegenüber für gut befunden hatte. Ich weiß nicht, wer schon zu Anfang Angst hatte, dass ich ihm die Show stehlen würde, aber in dieser Hinsicht sollte ich noch viel negativere Erfahrungen machen. Vorerst war die Lawine jedoch nicht mehr aufzuhalten. Bereits Anfang Dezember gelang es mir, ein namhaftes Unternehmen der Stadt zu gewinnen, das besagtes Unterfangen finanziell unterstützte. Im gleichen Zeitraum erschien ebenfalls der erste Artikel über die „Passat“, im Verbund mit meiner Person, in den Lübecker Nachrichten.

       

Am 19.12., welch Überraschung und Weihnachtsgeschenk zugleich, hielt ich bereits ein Dank- und Referenzschreiben der Ministerpräsidentin des Landes, Heide Simonis in der Hand. Da hatten also mein offizielles Rundschreiben an die Ministerpräsidentin und meine umfangreichen Telefonate mit der Staatskanzlei doch etwas bewirkt. Kurz zuvor sah es nämlich noch gar nicht danach aus. In eben so einem Telefongespräch hatte ich nämlich zu erfahren bekommen, dass über mich umfangreiche Auskünfte eingeholt worden seien. Ich gehe im Nachhinein davon aus, dass man sich mit dem Rathaus in Bad Schwartau in Verbindung setzte. Was dann kam, war schon wieder fast beleidigend aber für mich nichts Ungewöhnliches mehr.

      

Ein Mitarbeiter der Staatskanzlei sagte mir wörtlich: „Frau Lindemann, wir wissen zwar über sie Bescheid, aber  hier  geht es einzig und allein um die „Sache“. Wollte man mir damit kund tun, dass ich zwar die Pest hätte, aber der Sache wegen die Quarantäne kurzzeitig aufgehoben werde? Was hatte meine persönliche Problematik überhaupt mit dem wunderschönen „Hamboorger Veermaster“ zu tun? Diese Frage stelle ich mir allerdings heute, nach so vielen Jahren, immer noch. Aber auch die Frage, was ich nur verbrochen habe, um derart diskriminierende Worte anhören zu müssen.

Um falsche Rückschlüsse, von vornherein auszuschließen, über das Anschreiben der Ministerpräsidentin, Heide Simonis, habe  ich mich  gefreut, denn solcherart Post bekommt ja kaum jemand alle Tage. Für mich war es auch, trotz einiger damit verbundener Querelen ein schöner Erfolg, der mich dazu animierte weiterzumachen

*

 Mit der Verabschiedung begann nämlich, ohne dass ich es ahnte, die nächste Katastrophe ihren Anfang zu nehmen. In jenem kleinen Hotel war Herr Dr. W. an diesem Abend, meines Wissens, der einzige Gast. Es ergab sich dann wohl, dass er mit dem Hotelbetreiber, ich kann’s so, nur von der Logik her vermuten, ins Gespräch kam. Jedenfalls musste jene Person über mich sehr gut informiert sein, denn man nahm die Gelegenheit wahr, ihn bis ins Detail über mich aufzuklären. Da ich mich für die touristische Vermarktung der Stadt Bad Schwartau seit jeher interessierte, war ich ja für einige Hotelbetreiber und ähnlich involvierte Personen keine unbekannte Größe mehr. Vor allem natürlich in jenen Fragen, die mir schon so oft meine Grenzen aufgezeigt hatten, aber genauso durch die „Passat - Aktion“.

Jedenfalls erkannte ich meinen Herrn Doktor am nächsten Morgen nicht wieder. Sein abweisendes, fast demütigendes Verhalten brachte mich, da ich schon schlimmes ahnte, schier an den Rand der Verzweiflung. Ich konnte machen, was ich wollte, es kam einfach kein Gespräch mehr zustande. Das tat weh sehr weh.

 

Bei seinen Leuten, die nach und nach eintreffen sollten, konnte ich dann regelrecht nachvollziehen, zu welchem Zeitpunkt sie aufgeklärt wurden. Als erst einmal alle informiert waren, ließ man mich dann sehr wohl spüren, dass ich eigentlich schon verspielt hatte. Das geschah im Januar 1996. Ende Februar, zur Kirmes, sollte ich das gleichfalls von vielen Thüringer Teilnehmern persönlich zu spüren bekommen. Leute, die eben noch netten Umgang mit mir pflegten, erstarrten plötzlich, nur wenn ich mich ihnen näherte zur Salzsäule, oder quälten sich ein geradezu süffisantes Grinsen ab.

 

Ein touristischer Vermarkter, der ebenfalls an meiner Mitarbeit, in seiner Agentur interessiert war, brachte es dann Wochen später auf den Punkt. Siehe nachfolgendes Anschreiben:

 

-Sehr geehrte Frau Lindemann,

 

nach reiflicher Überlegung muß ich Ihnen leider mitteilen, daß eine Zusammenarbeit nun doch nicht in Frage kommen kann. Die Punkte für diese- wie ich zugebe, recht späte Entscheidung liegt in der Tatsache, daß wir erst heute die Bestätigung einer Äußerung was Ihre Person betrifft, von anderer Seite erhalten haben. Ich habe auch in keinster Weise das Recht auf diesen Punkt einzugehen, da dieser nur Ihre Person bzw. Ihr Privatleben betrifft. Bitte versuchen Sie nicht für meine Entscheidung eine Erklärung zu verlangen, da ich keine Stellungnahme abgeben möchte.

Was die bei den Von Ihnen vereinbarten Termine betrifft, so haben wir hier bereits Ersatztermine rar die kommenden Wochen geschaffen. Für die Mühe die Sie sich gemacht haben, bedanken wir uns herzlichst. Falls Ihnen Kosten entstanden sind. So teilen Sie uns diese bitte mit, wir werden Ihnen diese selbstverständlich erstatten. Ich habe mir die Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht, aber ich bin der Meinung, daß eine Zusammenarbeit unter diesen Vorzeichen für beide Seiten nicht unbedingt fruchtbar- gewesen wäre. '

Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute und ich hoffe, daß Sie meine Entscheidung respektieren werden.

 

Mit freundlichen Grüßen   gastro & freizeit Peter Scheid

 

Nur soviel noch dazu; Ich habe nie eine Mark von meinen Auslagen zurückerhalten.  Dieses Anschreiben hat bisher alle Leser, die es in die Hand bekommen haben, unter Schock gesetzt. Es kann sogar sein, dass sich einige davon noch nicht erholt haben.

 



Datenschutzerklärung
Kostenlose Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!