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Nachfolgend der erste große Bericht, einer namhaften Tageszeitung, der mir den Mut gab weiter zumachen, Wider der Intoleranz im "Hier und Heute"

Katrin Lindemann, eine Transsexuelle, die als Reiner Lindemann geboren wurde 

 

Katrin Lindemann ist ganz Dame: Die Frisur sitzt, ein kräftiges Rot ziert die vollen Lippen, der Lidschatten betont die dunklen Augen, das gelbe Top kontrastiert mit dem schwarzen Haar. Nur die etwas tiefere Stimme und der feste Druck der kräftigen Hände lassen erahnen, was die dunkelhaarige Frau Zeit ihres Lebens beschwert hat: Katrin Lindemann ist transsexuell, sie war ein Mann - früher. 

Bad Schwartau - Nach langer Leidenszeit hat die 54-Jährige endlich die Geschlechtsumwandlung, die sie lieber Angleichung nennt, bewältigt - vom Mann zur Frau, als die sie sich schon immer gefühlt hat. In einem jahrelangen, für sie sehr schwierigen und schmerzhaften Prozess, ging ihr Wunsch in Erfüllung: Aus dem 1948 in Frankfurt/Oder geborenen Jungen Reiner Lindemann, der zweimal verheiratet war und zwei Kinder mit seinen Ehefrauen zeugte, wurde schließlich doch noch Katrin. Jenes Individuum eben, das er/sie immer sein wollte, "das ich sein musste", wie Katrin beteuert. Als Transsexuelle zählt die Bad Schwartauerin zu den wenigen tausend Menschen in Deutschland, die wegen ihres Fühlens noch immer gegen weit verbreitete Intoleranz der Gesellschaft bestehen müssen. Und die ihre Krankheit als "Fluch der Geburt" verstehen, wie Katrin Lindemann aus eigener Erfahrung weiß. Transsexualität, neuerdings auch als Geschlechtsidentitätsstörung bezeichnet, ist in Deutschland inzwischen offiziell als Krankheit anerkannt, doch mangelt es an Akzeptanz.

Transsexuelle leiden, teils bereits seit Kindertagen, unter der inneren Zerrissenheit, der Zwiespältigkeit ihrer Gefühle bezüglich der Zuordnung des Geschlechts. Wie eben Katrin Lindemann, die biologisch als Mann geboren, sich sehr früh als Frau fühlte: "Schon als sehr junger Mensch hatte ich das Gefühl, im falschen Körper zu Hause zu sein".

Katrin Lindemann hat ein Leben in Verwirrung und Verheimlichung, im Verstecken ihrer Gefühle und ihrer geheimsten Wünsche vor intoleranten, womöglich aber auch nur unwissenden Zeitgenossen hinter sich. Ihre leidvolle Erfahrung lautet deshalb: "Nur wenige schaffen es am Ende, auch den letzten Schritt zu gehen und durch eine Geschlechtsangleichung ein wenig wieder ihren inneren Frieden zu finden - wenigstens ansatzweise." Die 54-Jährige hat es viel Zeit und Mühe gekostet, die eigene Identität in vollem Umfang zu akzeptieren. Schlimmes hat sie auf diesem Weg erdulden müssen. "Einer", erinnert sie sich schaudernd, "hat zu mir gesagt ,Solche Leute wie Du wären bei Adolf vergast worden'."

Nach vielen Jahren fand Katrin Lindemann nun den Mut, sich auch öffentlich zu ihrem Frau-Sein zu bekennen. Sich in einer Kleinstadt wie Bad Schwartau als Transsexuelle zu outen, bereitet ihr keine nennenswerten Sorgen: "Viele wissen es doch längst", weist sie darauf hin, dass jene es auch akzeptieren.

Völlig anders hingegen stellt sich ihre berufliche Perspektive dar. Katrin Lindemann verbindet dies mit großer Frustration, mit absoluter Perspektivlosigkeit. Diese Erfahrung hat sie sehr verbittert und lässt sie schier verzweifeln: "Ich war in der Werbung und im Marketing in den Bereichen Tourismus und Gastronomie erfolgreich, hatte gute Ideen", berichtet sie aus den ersten Jahren in Bad Schwartau, wo sie seit der Wende lebt. "Doch als die Verantwortlichen Kenntnis von meiner Transsexualität bekamen, haben sie mich eiskalt abserviert. Da war auf einmal alles aus." Bis heute ist ihr trotz vieler Bemühungen kein neuer beruflicher Start gelungen.

Auch um diese Enttäuschung zu verarbeiten, hat die verzweifelte Frau jetzt ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben (siehe neben stehenden Artikel). "Ich musste mir den Frust einfach von der Seele schreiben." Ihr Arbeitstitel: "Fluch der Geburt - Verdammt in alle Ewigkeit?" Dabei ärgert sich Katrin Lindemann über so genannte Biographien wie die Bohlen-Ergüsse oder den Stinkefinger-Effenberg. Im Gegensatz zu denen schreibe sie "aus dem Keller der Gesellschaft, von jenseits der Straße." Womit sie auf ihre Weise ausdrückt, was sie von derart oberflächlichen Pamphleten aus der so genannten "schönen heilen Welt" hält.

Was sie hingegen zu Papier brachte, ist ein stummer Protestschrei; er versucht, die viele Jahre ertragene Verzweiflung zu kanalisieren, ihr eine Richtung zu geben. Und es scheint wie der Versuch eines Befreiungsschlages gegen Intoleranz und zugleich das Bestreben, mehr Verständnis für die Isoliertheit der Transsexuellen zu wecken.

Es fällt Katrin Lindemann schwer, völlig unbefangen über sich zu reden: "Wir sind doch auch ,nur' Menschen, oder?", fragt sie sarkastisch. Schließlich könne sie doch nichts dafür, "dass ich so empfinde", fügt sie dann fast entschuldigend an. Von Reiner, der sie vor langer Zeit mal war, bekräftigt sie, sei jedenfalls nichts mehr übrig.

Und das Alleinsein? Vermisst sie es nicht, keinen Partner zu haben? Nein, sagt sie gefasst, "mir genügt es, dass ich jetzt Katrin Lindemann bin".

Von Lothar Braun, Lübecker Nachrichten

ln-online/lokales vom 14.06.2003 12:10




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